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ZITAT NEVIRA PIZZUL - CAPELLO


Zitat von Nevia Pizzul-Capello 

Präsidentin der Associazione Culturale Italo-Tedesco

 

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 Am 29. Januar 1979 erschien „Der Spiegel“ mit folgendem Titel:
„Holocaust": Die Vergangenheit kommt zurück.  Der Journalist meldete: ”Mehr als 20 Millionen Deutsche sahen in der vergangenen Woche „Holocaust“. Die US-Fernsehserie über die Verfolgung und Ermordung der Juden wurde zum Thema der Nation. Bei den Sendern meldeten sich 30000 Anrufer, die Mehrheit bekannte Erschütterung. Ein Medienereignis mit moralischer Wirkung oder nur ein Strohfeuer?”

Doch weit mehr noch, wie nicht erwartet, meldeten sich Irritierte, Betroffene, Überlebende. Manche schämten sich, klagten sich selbst an, einige weinten. Häufig wurden neue Dokumente, Prozessakten, Tagebücher und Gedichte angeboten.

Der erste durchschlagende Bühnenerfolg des Nachkriegstheaters war Zuckmayers Udet-Stück "Des Teufels General", in dem Hitlers Rassenwahn zumindest ein Nebenthema bildete. Allerdings war das im Exil entstandene Stück von der furchtbaren Nazi-Realität weit entfernt und verfiel dem Glanz der Uniformen und dem rauen Barras-Charme des Offizierskasinos.

Die deutsche Nachkriegsliteratur, die sich in der Gruppe 47 vereinte, machte den Antifaschismus, die Aufarbeitung der Vergangenheit zu ihrem Programm. Das, was schließlich zum Schlagwort der "Vergangenheitsbewältigung" verkam, stellte die literarische und theatralische Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Juden vor ein Dilemma. Einerseits gab es das Diktum von Adorno:” es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben”. Andererseits gab es die "Todesfuge" des dem Holocaust entkommenen Paul Celan ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"), ein Gedicht, das damals zumindest viele Studenten bewegte und auf die Vergangenheit verwies.   Vor allem zwei Ereignisse waren es, die beide Pole der Auseinandersetzung mit der Judenausrottung markierten: einmal, 1950, das "Tagebuch der Anne Frank", als Buch, als Bühnenstück und später im Kino und Fernsehen und der Alain-Resnais-Film "Nacht und Nebel", der 1956 die Zuschauer erstmals mit dokumentarischen Aufnahmen des KZ-Grauens konfrontierte.
Zwei großen Theaterstücke über die Judenvernichtung waren einmal Hochhuths "Stellvertreter" und zum andern "Die Ermittlung" von Peter Weiss.
Das Stück von Peter Weiss ist die Verarbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses gegen Boger, Kaduk, Klehr und andere. Weiss folgte bei seinem dokumentarischen Verfahren der Berichterstattung Bernd Naumanns in der "FAZ". Bereits damals wurde ein Phänomen deutlich, das sich bei "Holocaust" verstärkt wiederholte: Dass nämlich die Bühnenfassung weit mehr Betroffenheit, Ablehnung, Erregung provozierte als der dokumentarische Bericht.

Wissenschaftler wollten erkunden, ob die emotionale Bewegung während der Sendezeit von “Holocaust” eine längere gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema ausgelöst hatte. Das Offenbacher Marplan-Institut startete eine Repräsentativ-Umfrage in drei Stufen: Vor "Holocaust" wurde der allgemeine Wissensstand zu Nazi-Zeit und

Judenvernichtung abgefragt; während der Sendung registrierten die Forscher die spontanen Reflexe; in acht Wochen wollten sie die Langzeitwirkung ausloten.
Auch der Erziehungswissenschaftler Lißmann begann eine Umfrage unter Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren, mit denen er sich das Programm gemeinsam ansah. Das "Ausmaß der Betroffenheit" hatte ihn dabei überrascht. Doch er fürchtete: “Es könnte sein, dass "Holocaust" keine rational-kritische Auseinandersetzung aufkommen lässt”.

Trotzdem möchten verschiedene Vertreter aus der zweiten Deutschen Generation nach dem zweiten Weltkrieg  nicht darauf verzichten, sich mit diesem Thema weiter auseinander zu setzen.

Das ist der Fall von der bayerischen Dramaturgin Ulrike Pusch, die der italienischen  Regisseurin Antonella Granata den brennenden Stoff  für das Theaterstück “Im Vergessen des Unverzeihlichen" geboten hat:
Die Erzählung wird von einer wahren Begebenheit inspiriert und durchlebt die tragischen Erfahrungen  einer nicht so weit entfernten Zeit, die stets eine unheilbare Wunde für die Menschheit darstellt.
Im Drama wird die Geschichte Louises,  einer jungen aufstrebenden, deutschen Künstlerin erzählt, die eine überzeugte Nazigegnerin ist. Sie ist mit einem Juden verheiratet, in Erwartung ihres ersten Babys. Wegen seiner politischen Ideen und ihrer ehelichen Verbindung wird sie inhaftiert. Im Konzentrationslager trifft sie auf einen Kommandanten, der den künstlerischen Talent Louises zu schätzen weiß.
Zeichnungen, die im Foyer des Theaters ausgestellt werden, sprechen von Momenten, in denen Begegnungen mit Menschen gleichen Schicksals Spuren hinterlassen und werden in einer Ausstellung gezeigt, die ein Teil der Handlung sein wird.
Wort und Bewegung verschmelzen sich in diesem Tanztheater mit der Musik, die der Soundtrack der Gefühle der Protagonisten sein wird.

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